Antiker Zynismus und Diogenes von Sinope: Was das Wort wirklich bedeutet
Das Wort kommt meist als Vorwurf. Wenn jemand im Alltag englisch als Zyniker bezeichnet wird, lautet der Vorwurf, dass alle nur an sich selbst interessiert seien und dass niemand aufrichtig ist. Wörterbücher verzeichnen genau diese Bedeutung, und es ist eine moderne.
Das Wort hat aber ein zweites, älteres und merkwürdigeres Leben. Es stammt aus einem griechischen Adjektiv, kunikos, das hundeähnlich bedeutet, und es war der Name einer Philosophengruppe, die argumentierten, das eigentliche Problem des menschlichen Lebens nicht die menschliche Natur sei, sondern die menschliche Konvention. Sie meinten, die respektablen Teile der Gesellschaft — Ansehen, Herkunft, Besitz, Zeremoniell — seien mit dem Guten selbst verwechselt worden. Ihre Antwort war keine bessere Argumentation. Ihre Antwort war ein Leben, das so unbequem geführt wurde, dass die Konvention sichtbar werden musste.
Die nützliche Frage ist also nicht „was bedeutet Zynismus“, sondern „welcher Zynismus, und wer hat das entschieden“. Die zweite Frage hat eine unbequeme Antwort: Die ehrliche verlangt zuzugeben, wie wenig von dem, was die Zyniker tatsächlich gesagt haben, überlebt hat.
Die Kapitelangaben folgen hier der Übersetzung von R. D. Hicks aus Diogenes Laertius (Loeb Classical Library, 1925). Eine Warnung: Das Internet Encyclopedia of Philosophy nummeriert die Alexanders-Anekdote als VI.28, eine Kapitelangabe aus einer anderen Darstellung passt daher möglicherweise nicht.
Zuerst eine ehrliche Grenze: Fast nichts, was sie geschrieben haben, hat überlebt
Das Internet Encyclopedia of Philosophy benennt das Problem deutlich: Die Belege für die Zyniker beschränken sich auf Anekdoten, Sprichwörter und antikes Hörensagen, und „keines der zahlreichen zynischen Texte ist überlebt“. Die Überlieferung erfolgte über das Leben der Praktiker und nicht über ihre Lehre.
Das hat eine direkte Folge für jeden, der heute über Zynismus schreibt, auch für diesen Artikel. Die meisten Sätze der Form „die Zyniker hielten dafür, dass …“ sind in Wahrheit Sätze der Form „ein späterer Kompilator ordnete Sprichwörter unter dieser Überschrift an“. Das ist der Unterschied zwischen einer Position und einem Porträt einer Position.
Die Hauptquelle für den bekanntesten Zyniker, Diogenes von Sinope (ca. 404–323 v. Chr. laut demselben Lexikon), ist Buch VI der Lives of Eminent Philosophers von Diogenes Laertius. Der Text ist reichhaltig, und er markiert seine eigene Unsicherheit immer wieder — was sich als eine der lehrreicheren Tatsachen über den Zynismus herausstellt.
Auch der Name ist umstritten
Für kunikos sind drei Erklärungen im Umlauf, und das Lexikon bezeichnet die Herkunft des Wortes als „a point of contention“. Die erste leitet es von Cynosarges ab, einem Gymnasium und einem Tempel, die von athenischen nothoi — Menschen ohne athenisches Bürgerrecht — genutzt wurden, wo Antisthenes demnach lehrte. Die zweite Erklärung leitet es von einem Spitznamen ab, der Antisthenes zugeschrieben wurde und ungefähr einen gewöhnlichen Hund meinte. Die dritte macht Diogenes selbst zur Quelle: „der Begriff mag als Beleidigung begonnen haben, die sich auf Diogenes’ Lebensstil bezog, insbesondere auf seine Neigung, alle seine Aktivitäten in der Öffentlichkeit auszuüben“.
Das Lexikon merkt an, dass Antisthenes’ Zeitgenossen, darunter Plato und Xenophon, ihn nicht Hund nannten, was der Idee etwas Gewicht gibt, die Bezeichnung sei erst nach seinem Tod und nach Diogenes’ Auftreten angewandt worden. Die Bezeichnung, die wir für die Bewegung verwenden, ist also möglicherweise eine hängen gebliebene Beleidigung. Bemerkenswert ist, was danach geschah: Die frühen Zyniker „embraced their title: they barked at those who displeased them, spurned Athenian etiquette, and lived from nature“. Ein geringschätziges Etikett wurde zur Selbstbeschreibung.
Was sie argumentierten, in ihren eigenen Worten
Die zentrale Behauptung lautet, Tugend bestehe darin, naturgemäß zu leben, und die Konvention stelle sich systematisch in den Weg. Diogenes Laertius verdichtet die Position zu einer Zeile: „to fortune he could oppose courage, to convention nature, to passion reason“ (VI.38).
Daraus folgen im Text ziemlich konkrete Konsequenzen. Zum politischen Leben: „The only true commonwealth was, he said, that which is as wide as the universe“, und gute Herkunft, Ruhm und „all such distinctions“ seien als „showy ornaments of vice“ zu verspotten (VI.72). Zur Übung: „training was of two kinds, mental and bodily“, und keine der beiden Hälften ist ohne die andere vollständig (VI.70). Zu dem, was im Reden tatsächlich wertvoll ist: Auf die Frage, was das Schönste in der Welt sei, antwortete Diogenes „Freedom of speech“ (VI.69).
Diese letzte Antwort widerspricht dem modernen Klischee am stärksten, weil sie nicht zynisch ist. Auf die Frage, woher er stamme, wird berichtet, habe er gesagt: „I am a citizen of the world“ (VI.63) — und der Kompilator fügt sofort eine Fußnote hinzu, die die Echtheit der Antwort bezweifelt. Dieselbe Stelle überliefert, er habe durch die Philosophie mindestens eines erhalten: auf jedes Geschick vorbereitet zu sein.
Zwei weitere Aussagen zeigen die Methode. Alexander der Große bot ihm alles an, was er erbat, und Diogenes soll gesagt haben: „Stand out of my light“ (VI.38). Und er „lit a lamp in broad daylight and said, as he went about, ‘I am looking for a man’“ (VI.41). Flüchtig gelesen wirken beide wie zitierfähige Kuriositäten. Sorgfältig gelesen sind beide Beschwerden: über Behinderung und über die Schwierigkeit, jemanden zu finden, der tatsächlich rational lebt.
Die Zyniker bezeichneten sich außerdem als Abkürzung. Diogenes Laertius überliefert, „it has been said that Cynicism is a short cut to virtue; and after the same pattern did Zeno of Citium live his life“ (VI.104). Zenon von Kition gründete den Stoizismus, und das Lexikon verfolgt eine Überlieferungslinie über Antisthenes, Diogenes, Krates und Zenon hinweg. Zynismus und Stoizismus lagen nah genug beieinander, um zu verschwimmen, und das ist einer der Gründe, warum Leserinnen und Leser die Stoiker kennen, die Zyniker aber nicht.
Die Methode war Provokation, und Provokation hat ihren Preis
Es wäre ordentlich, den Zynismus als eine Reihe von Grundsätzen darzustellen. Die Quellen erlauben das nicht. Was sie meistens bewahren, ist Verhalten: essen, schlafen, antworten, sich nicht beeindrucken lassen, meistens in der Öffentlichkeit und meistens vor Zeugen. Diogenes Laertius berichtet, er habe erklärt: „for the conduct of life we need right reason or a halter“ (VI.24), was die gesamte Philosophie auf eine Wahl zwischen eigenem Denken und Geführtwerden verdichtet.
Einiges vom überlieferten Verhalten war darauf angelegt, die Ordnung zu brechen, anderes war schlicht unanständig. Der Kompilator bewahrt eine Anekdote vom Markt, in der Diogenes sich wünschte, Hunger sei ebenso leicht durch Reiben des leeren Bauches zu stillen (VI.46). Das Lexikon liest diese Schamlosigkeit nicht als Nihilismus, sondern als Neupositionierung: Wenn eine Handlung privat nicht schamlos ist, macht es sie in der Öffentlichkeit nicht schamlos. Das ist die Interpretation einer modernen Wissenschaftlerin, keine Aussage von Diogenes.
Antike Zeitgenossen waren weniger großzügig. Auf die Frage, für was für einen Mann Diogenes gehalten werde, ist die überlieferte Antwort „A Socrates gone mad“ (VI.54), und die Notiz des Kompilators schreibt die Bemerkung Plato zu. Ob das ein Kompliment ist, ist die ganze Frage. Ein Zyniker sollte das lebendige Argument dafür sein, dass Konvention sich ablehnen lässt; Platos Spott impliziert, dass dieses Argument angefangen hatte, wie eine Aufführung auszusehen.
Kritik aus der Tradition heraus
Die nützlichste Korrektur kommt von innerhalb des Zynismus selbst. Epiktet widmet Buch II, Kapitel XXII der Discourses — „Of the Cynic Philosophy“, in der Übersetzung von Elizabeth Carter — dem, was ein Zyniker sein sollte, und beginnt mit der Warnung, wer etwas so Großes ohne Gott versuche, sei verhasst und habe kein anderes Ziel, als sich in der Öffentlichkeit unanständig zu benehmen.
Dann kommt der Vorwurf, auf den es ankommt. Epiktet fordert sein Gegenüber auf, die „Cynics as they are now, who stand like dogs watching at tables, and who imitate the Cynics of old in nothing, unless perhaps in breaking wind, but absolutely in nothing besides“ zu betrachten. Das ist kein moderner Zyniker, der einen Philosophen diagnostiziert. Es ist ein späterer Stoiker, der den Zynikern sagt, dass ihre Methode zu einer Verkleidung verkommen ist.
Epiktet ist außerdem streng darüber, was dieses Leben vorweisen muss. Der Zyniker muss durch seinen Körper zeigen, dass einfache Kost und freie Luft der Konstitution nicht schaden: „See, I and my body are a witness of this.“ Und die Autorität, andere zurechtzuweisen, kommt aus dem Gewissen und nicht aus Waffen und Wachen wie bei Königen und Tyrannen: Ein Zyniker, der noch in einem Laster feststeckt und andere belehrt, ist notwendig „a common cheat, and a rascal“. Die Messlatte, die er stellt, ist eine Messlatte der Aufrichtigkeit, nicht der Genügsamkeit.
Die Tradition dokumentierte auch ihren eigenen Niedergang. Das Lexikon stellt fest, dass der Zynismus als „school of thought“ im sechsten Jahrhundert n. Chr. endet, und dass zwei Reden des Julian aus dem Jahr 361 n. Chr. die Zyniker seiner Zeit gerade deshalb abwerteten, weil ihnen das asketische Leben und die Härte der „echten“ Zyniker fehlten. Das literarische Fortleben übertraf das philosophische: Menippos, ein Zyniker, dessen Bücher „overflow with laughter“ (VI.99), ist wegen der Satire im Gedächtnis, nicht wegen der Lehre — und selbst die ihm zugeschriebenen Werke wurden von antiken Autoritäten bezweifelt, die behaupteten, sie seien von anderen geschrieben und unter seinem Namen in Umlauf gebracht worden (VI.100).
Was die Belege nicht entscheiden können
Die lehrreichste Stelle der gesamten Kompilation ist eine bibliografische. Diogenes Laertius listet die Diogenes zugeschriebenen Schriften auf — Dialoge darunter Cephalion und Pordalus, sieben Tragödien darunter Heracles und Medea, dazu Briefe — und vermerkt sofort, Sosikrates und Satyrus hätten gesagt, Diogenes habe nichts Schriftliches hinterlassen, die Tragödien möglicherweise das Werk seines Freundes Philiskos (VI.80). Der Kompilator listet Werke auf, denen er nicht traut.
Die Biographie ist nicht solider. Warum Diogenes Sinope verließ, hat innerhalb von zwei Kapiteln mindestens drei einander ausschließende Antworten: dass sein Vater die Staatskasse übergeben bekommen und die Münzen verfälscht hatte; dass Diogenes es selbst tat und mit seinem Vater floh; und dass ein Orakel ihn hieß, die politische Währung zu ändern und er die Weisung missverstand (VI.20–21). Das Lexikon bezweifelt, ob er das Orakel überhaupt befragte, und bemerkt, dass der Rat auffällig nahe an Sokrat’ eigenem Gebot liegt. Die Umstände seines Todes sind ebenso mehrdeutig (VI.76–79).
Das ist kein Grund, die Quellen zu meiden; es ist ein Grund, Behauptungen vorsichtig zu formulieren. „Ein späterer Kompilator schreibt Diogenes die Antwort ‚Stand out of my light‘ zu“ ist ein sichererer Satz als „Diogenes befahl Alexander, zur Seite zu treten“, und er ist nicht weniger interessant.
Wer ist also ein moderner Zyniker, und wer war ein Zyniker?
Das Cambridge Dictionary definiert einen Zyniker als „a person who believes that people are only interested in themselves and are not sincere“. Das ist eine Aussage über die Aufrichtigkeit anderer, und sie ist meist eine Art, sich nicht zu beteiligen.
Die Aussage eines Zynikers war von anderer Art. Sie richtete sich gegen die Konvention, nicht gegen Menschen, und sie sollte von einem Leben getragen werden, nicht als Meinung gehalten werden. Ein moderner Zyniker bezweifelt Aufrichtigkeit; ein Zyniker bezweifelte die Einstufung von Dingen als respektabel und machte dieses Misstrauen dann teuer für alle in der Nähe, auch für sich selbst.
Es wäre leicht und falsch, das als eine einzige durchgehende Tradition mit einem sauberen Sinn darzustellen. Die beiden Bedeutungen teilen ein Wort und einen spöttischen Ton; darüber hinaus muss die Kontinuität erst noch behauptet werden, und dieser Artikel behauptet sie nicht.
Was übrig bleibt und ernst zu nehmen ist
Das Folgende ist Interpretation, nicht eine Zusammenfassung der Quellen, und sollte auch so gelesen werden.
Erstens verändert der Hinweis auf ein Statusspiel das Spiel nicht von selbst. Das Ziel der Zyniker war die Konvention, nicht eine bestimmte Technologie, und ihr Instrument war Unbequemlichkeit: eine Behauptung sichtbar etwas kosten lassen. Eine Beobachtung, die nichts kostet, wird eher aufgenommen als beantwortet.
Zweitens ist eine Behauptung, die man nicht selbst lebt, noch keine Position. Die Askesis der Zyniker — die Übung — war zugleich geistig und körperlich (VI.70), und gerade dieses Paar war der Punkt: Wer Loslösung lehrt und dabei jede Privilegierung der Verstrickung genießt, hat nichts bewiesen. Die Prüfung war absichtlich unbequem, und genau deshalb ist sie schwer durchzuhalten.
Drittens kontrollierte ihre eigene Tradition sie selbst. Epiktets Vorwurf ist nicht, dass die Zyniker zu radikal gewesen wären; er ist, dass sie dekorativ geworden waren. Eine Bewegung, die nur kritisiert und nie überarbeitet, wird am Ende das, was sie verspottet, und Epiktet sagt das, während er noch daran glaubt, dass der Beruf eines Zynikers die Mühe wert ist. Diese Selbstkorrektur ist vermutlich der übertragbarste Teil der Geschichte.
Nicht zu übernehmen ist die Verkleidung. Ein zynisches Leben hing an einer bestimmten sozialen Welt: einem Gymnasium vor den Mauern, wo ein Fremder in einer Wanne leben und geduldet werden konnte, und einer Stadt, deren Konventionen sichtbar genug waren, um angegriffen zu werden. Die Manier ohne das Argument zu kopieren ergibt nur Grobheit, und das ist etwas ganz anderes und erheblich leichter.
Offene Fragen
Mehrere Fragen widerstehen einer selbstsicheren Antwort, und es scheint besser, sie offen zu lassen, als sie ordentlich zu schließen.
Ob es ein kohärentes „ancient Cynicism“ als Schule je gab, ist umstritten, und das Lexikon merkt an, dass die Zyniker eine „school“ zu nennen für eine so unkonventionelle und antitheoretische Gruppe sofort eine Schwierigkeit aufwirft. Ob Diogenes irgendetwas geschrieben hat, ist unbekannt. Welche seiner mehreren möglichen Biographien die echte ist, weiß niemand. Und jede Darstellung dessen, was die Zyniker meinten, erreicht uns durch Übersetzungen, die einen Satz von Problemen lösen und einen anderen schaffen.
Nichts davon macht das Thema unfruchtbar. Es macht es zu einer Untersuchung darüber, wie eine Behauptung überlebt, wenn ihr Autor es nicht tut. Die Zyniker hinterließen kein System und kaum einen Text; was sie hinterließen, war eine Methode — benenne, was alle akzeptieren, lebe dann, als sei die Akzeptanz freiwillig, und sieh zu, wer bereit ist zu sagen, dass sie es nicht ist.
Literatur
- Diogenes Laertius, Lives of Eminent Philosophers, Buch VI — übersetzt von R. D. Hicks, Loeb Classical Library, 1925 (gemeinfrei). Wikisource
- Diogenes Laertius, Lives of Eminent Philosophers, Volume II (Buch VI–X) — Scan der Loeb-Ausgabe von 1925, Internet Archive
- Epiktet, Discourses, Buch II, Kapitel XXII, „Of the Cynic Philosophy“ — übersetzt von Elizabeth Carter, herausgegeben von W. H. D. Rouse, Everyman’s Library, J. M. Dent & Sons. Internet Archive
- „Cynics“ — Julie Piering, Internet Encyclopedia of Philosophy
- „Diogenes of Sinope“ — Julie Piering, Internet Encyclopedia of Philosophy
- „cynic“ — Cambridge Advanced Learner’s Dictionary & Thesaurus, Cambridge University Press
